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Das queere Zimmer in der Hetero-Villa

  • Elisa Rood
  • vor 23 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Gedanken zu Queerness in Die sieben Männer der Evelyn Hugo von Taylor Jenkins Reid (2017)


Der Plot

Die bisexuelle Schauspielerin Evelyn Hugo steigt in den 50er Jahren zum Hollywood-Star auf und heiratet einen Mann nach dem anderen, führt im Verborgenen aber eine lebenslange Beziehung zur Schauspielerin Celia St. James.


Ist Taylor Jenkins Reid queer? Die Frage, ob und wie das eine Rolle spielt beim Erzählen queerer Geschichten, ist komplex – auch, ob es überhaupt eine Rolle spielen sollte. Die Neugier ist aber immer da, wenn ich einen Text lese, über dessen Autor:in ich nichts weiß.

 

Evelyn Hugo hat es mir schwer gemacht, Schlüsse über seine Autorin zu ziehen. Die Entdeckung der eigenen Queerness über das erste Verlieben in eine Frau, der Schmerz des Nicht-Vollständig-Gesehen-Werdens in der eigenen Identität hat sehr überzeugend an persönliche Erfahrungen angedockt, gleichzeitig hat sich im Laufe des Buches ein Irritationsgefühl eingestellt, das die Neugier auf Reid hat größer werden lassen. Bei Autostraddle habe ich schließlich erfahren, dass Reid 2025 ihre Bisexualität öffentlich gemacht hat. Im Artikel schätzt sie wert, dass ihr Mann sie in ihrer Bisexualität sieht und diese als „Raum in dem Haus, das meine Identität ist“, ansieht.

 

Bisexualität on/off

 

Erst der Artikel hat mir geholfen, das Störgefühl zu benennen, das ich bei Evelyn Hugo empfunden habe. Evelyn Hugo behandelt Bisexualität wie ein Zimmer in einem heterosexuell gebauten Haus: Sie hat Platz, aber sie ist dem heterosexuellen Identitätsanteil untergeordnet. Ihr Platz ist klar abgesteckt, sie lässt sich in die Enge eines Zimmers zurückdrängen. Ein Zimmer, das man, das haben Zimmer nun an sich, immer wieder verlässt – als würde man die Bisexualität für eine Weile wieder „off“ stellen; ein Zimmer, das man von außen nicht sieht – als wäre die Bisexualität etwas, das man im Privaten auslebt.

 

Mir scheint, dass Evelyn Hugo von einer Person geschrieben wurde, die am Anfang der Exploration und des Reclaimens ihrer Queerness ist. Das ist keine Kritik, eher eine Beobachtung, eine wohlwollend gemeinte, denn das Reclaimen der eigenen Queerness beginnt nun mal für viele im Hetero-Haus, und es ist ein großer erster Schritt, sich darin ein Zimmer einzurichten. Es führt aber, so empfinde ich, zu einigen blinden Flecken im Buch, und zu homophobem Verhalten, das das Buch nicht mit derselben Vehemenz verurteilt, wie es andere Dinge verurteilt.

 

Die bisexuelle Raupe Nimmersatt

 

Evelyn Hugo ist ein groß angelegtes Panorama internalisierter Homophobie. In einer schmerzhaften Szene desolidarisiert sich Evelyn von Celia und reibt ihr ziemlich lesbenfeindlich den safe exit Heterosexualität unter die Nase:


Ich kann einen Mann lieben, Celia. Ich kann jeden Mann heiraten, den ich will. Kinder haben und glücklich sein. Und wir wissen beide, dass das für dich nicht so leicht wäre.

Auch ihre Vorstellung von Familie ist queerfeindlich: Für sie kommt nur ein Kind in Frage, das sie mit einem Mann zeugt und von dem die Öffentlichkeit weiß, dass es Vater und Mutter hat und auf „rechtem Weg“ entstanden ist; auf die Frage, wie Celia in das neue Familienleben hineinpasst, antwortet sie nur vage, zögert aber nicht, Celia ohne Rollenklärung intensiv in die Kinderbetreuung einzubinden, wenn ihre Karriere es braucht. All das wird im Buch nicht reflektiert; stattdessen nehmen einmal mehr Celias angeblich in der Bisexualität von Evelyn begründete Ängste Raum, nicht zu genügen: „Ist es ein Problem für dich, dass ich dir das [Kind] […] nicht geben kann?“.

 

Dass Celias Ängste und Verletzungen von Evelyn nie adressiert werden, sondern in das bisexuelle Nimmersatt-Klischee (eine bisexuelle Frau braucht Mann und Frau) gedrängt werden, ist für mich der große blinde Fleck des Buchs. Womöglich entsteht er dadurch, dass Reid ihren Blick erstmal ganz aufs Nächste, Innerste, Sicherste richtet, auf den Ort, an dem das Für-Sich-Einstehen erprobt werden kann: die romantische Beziehung zu Celia. Evelyn hat (zurecht) hohe Ansprüche an Celia: Sie möchte, dass Celia ihren heterosexuellen Identitätsanteil anerkennt, dass sie sie in der Bandbreite ihres romantischen und sexuellen Erlebens sieht:


Aber Celia sah die Dinge nur schwarz und weiß. Sie mochte Frauen und nur Frauen. Und ich mochte sie. Und so verleugnete sie oft den Rest von mir.

 

Doch geht es um die Öffentlichkeit, verpuffen Evelyns Ansprüche an Authentizität und Selbstbestimmung augenblicklich. Der Vehemenz, mit der sie von Celia in ihrer Heterosexualität gesehen werden möchte, steht ein von Bequemlichkeit getriebenes Desinteresse gegenüber, von der Öffentlichkeit in ihrer Homosexualität gesehen zu werden. Schmerzhaft ist weniger das Verleugnen selbst als dass sie keinen großen Schmerz darüber zu empfinden scheint.

 

Dass Celias Ängste also vielleicht weniger in der vermeintlichen Bedrohlichkeit von Bisexualität begründet sind als darin, dass Evelyns und Celias Beziehung nichts von der gesellschaftlichen Anerkennung bekommt, die jede einzelne der skandalumwobenen (Zweck-)Ehen von Evelyn bekommt, wird nicht thematisiert. Es entsteht eine fragwürdige Gleichsetzung – Evelyn kann in der Öffentlichkeit nicht zu Celia stehen, Celia steht im Privaten nicht zu Evelyn –, deren Wechselwirkung aber nicht gesehen wird; und dass bei ersterer eine große Keule institutioneller Gewalt mitschlägt, bleibt unbesprochen.

 

Vom guten Deal zum guten Sex

 

Stolpert man ohne Vorwissen in Evelyn Hugo hinein, legen Cover und Klappentext seichten Glamour nahe (und keine Queerness – um im Haus-Bild zu bleiben: Queerness ist der gut versteckte Keller im Hetero-Haus des Buches). Die Erwartung wird alsbald gebrochen: Evelyn Hugo ist eine Geschichte von Gewalt, insbesondere von Gewalt gegen Frauen. Gewalt ist Evelyns Startpunkt, der Ausgangspunkt ihrer Emanzipation – die sexuelle Gewalt, die ihr als Kind vom Vater widerfährt (er liebt sie „ein bisschen zu sehr“, in der schaurigen Formulierung von Reid), die Klassengewalt –, und Gewalt wird zum Instrument dieser Emanzipation. Denn Evelyn ist sehr früh klar, dass sie nur eines besitzt, das in dieser Gesellschaft von Wert ist: ein jung, weiblich und attraktiv gelesener Körper; und so erlangt sie in einem vielleicht unauflösbaren Widerspruch Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben zurück, indem sie ihren Körper einsetzt:


Wenn die Definition von „Spaß am Sex“ bedeutete, dass er lustvoll ist, dann hatte ich jede Menge Sex, den ich nicht genossen habe. Aber wenn wir ihn so definieren, dass man glücklich ist, einen guten Deal gemacht zu haben, dann, na ja, habe ich ihn selten bereut.

 

Es hat etwas Selbstermächtigendes, dass Evelyn, die Sexualität früh in einem von Gewalt und Transaktionen geprägten Kontext erlebt, sich noch das eigene Begehren erschließt. „Begehren zu werden bedeutete, befriedigen zu müssen“ – bis sie sich in Don Adler verliebt und die eigene Lust entdeckt. Sie, das unentwegte Objekt der Begierde, begehrt, und sie setzt sich dafür ein, dass Frauen auch als Subjekt der Begierde dargestellt werden, worin sicherlich sexuelle Emanzipation zu sehen ist: „Mir gefiel der Gedanke, eine Frau zu zeigen, die Sex hat, weil sie befriedigt werden will, anstatt alles zu geben, um jemand anderen zu befriedigen“, sagt sie über eine Sexszene, die sie unbedingt drehen möchte.

 

Anomalie im Begehren

 

Doch geht es um ihr Begehren für Frauen, wird es still um Evelyn und ihr sexuelles Selbstbewusstsein. Evelyn pocht auf das bisexuelle Label, spricht aber immer nur davon, „Männer und Celia“ zu lieben, als wäre Celia eine Anomalie in ihrem Begehren, als würde sich Evelyn nicht eingestehen oder erlauben, Frauen ohne emotionale Bindung, gar ganz ohne Bindung, zu begehren, ihnen mit demselben lüsternen Blick zu begegnen, wie sie Männern begegnet. Über den ersten Kuss mit Celia sagt sie: „Und doch war das Gefühl dasselbe – das Herzklopfen, das körperliche Verlangen“ (Heterosexualität als Bezugsnorm: Das erste queere Erlebnis wird für die Lesenden über den Rückbezug auf Männer validiert), in einer hastigen Gleichsetzung, die wie eine Formalität wirkt (Bisexualität: check), in der Beschreibung des Erlebens aber nicht eingelöst wird: Evelyn liebt zwar Celia, aber wie sie sie begehrt, wie sie ihr Begehren zum Ausdruck bringt, unterscheidet sich sehr deutlich davon, wie sie ihr Begehren für Männer beschreibt.

 

Nun heißt Bisexualität nicht, Männer und Frauen gleich zu begehren, ähnliche sexuelle Erfahrungen mit ihnen zu machen, aber es drängt sich die Frage auf, ob hier nicht soziale Normen und internalisierte Homophobie am Werk sind: Evelyns Angst, predatory zu wirken oder zu sein, wenn sie eine Frau begehrt, wenn sie sich – wie sie es doch in der heterosexuellen Sex-Szene auf der Leinwand aller Welt vorzeigen wollte – „selbstbewusst das nimmt, was sie will“. Kann man sich mit einer Frau das nehmen, was man möchte? Fühlt es sich mit einem Mann anders an? Fühlt es sich mit einem Mann lustvoll an, weil man damit für kurze Zeit gesellschaftliche Verhältnisse umkehrt, Macht zurückerlangt? Wie wirkt das Patriarchat in Evelyns Sex, in heterosexuellen Sex hinein?

 

Queeres Massaker

 

Es gibt fünf (bekannt) queere Menschen in Evelyn Hugo, und alle erleiden im letzten Viertel des Buches einen tödlichen Schicksalsschlag, angefangen mit John, der mit fünfzig an einem Herzinfarkt stirbt („Es machte keinen Sinn. Der Sportlichste und Fitteste von uns“). Celia, stirbt an einer chronisch obstruktiven Lungenentzündung; Harry und James in einem Autounfall; Evelyn wählt den Freitod. Celias Tod fühlt sich besonders bestrafend an: Die Lungenkrankheit kürzt dramatisch die ohnehin schon kurze Zeit, die Evelyn und Celia aufgrund von Evelyns internalisierter Homophobie haben. Celias Tod fühlt sich auch deshalb besonders bestrafend an, weil sie die queerste Person in diesem Buch ist – wenn man Queerness darin misst, mit welcher inneren Festigkeit Normen hinterfragt werden.

 

Evelyn Hugo handelt von queeren Menschen, aber ist Evelyn Hugo ein queeres Buch? Wenn man auch das Buch daran misst, wie sehr es Normen hinterfragt, dann fällt die Antwort gemischt aus. Kann ein Buch queer sein, das seine fünf Queers begräbt? Kann ein Buch queer sein, dessen Aufmachung so betont unqueer ist, weil die Queerness als Plot-Überraschung herhalten soll? Kann ein Buch queer sein, das so viel Energie auf die Verteidigung des heterosexuellen Identitätsanteils einer bisexuellen Person verwendet, das Verleugnen einer queeren Beziehung aber vergleichsweise achselzuckend hinnimmt? Kann ein Buch queer sein, das auf das Leben einer Frau zurückschaut, die überdurchschnittlich gut in einer patriarchalen, heteronormativen Gesellschaft funktioniert und daran Gefallen gefunden hat; eine Frau, deren Erfolg genau dieser Gesellschaft und dem, was sie für wertig und aufmerksamkeitswürdig hält, zu verdanken ist? Es liegt natürlich etwas Emanzipatorisches darin, patriarchale Strukturen zum eigenen Vorteil zu nutzen und damit Handlungsfähigkeit zurückzuerlangen. Es ist auch ein hehrer Anspruch, das Patriarchat gleich zu zerschlagen (gleichwohl das witzigerweise genau das ist, was die Autorin Lilah, der sie das Buch widmet, rät: „Zerschlage das Patriarchat, Süße“). Doch irgendwie vermisst man in Evelyn Hugo schon die Sehnsucht danach, dass queeres Leben mehr sein könnte als ein Arrangement im Patriarchat.



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