Weibliche Macht als Angstfantasie
- Jutta Vanderli
- 3. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Das Frauenbild in "Sie" von Henry Rider Haggard (1886)
Der Plot
Der Gelehrte Horace und sein Adoptivsohn Leo wollen familiäre Wurzeln erkunden und reisen in ein fernes, unentdecktes Land, wo sie auf ein Volk treffen, das als wild und kannibalistisch beschrieben wird. Es wird von einer weißen, mächtigen und bösartigen Frau („Sie“) beherrscht, die das Geheimnis von ewiger Schönheit und ewigem Leben kennt. „Sie“ erkennt in Leo die Reinkarnation ihres Geliebten Kallikrates und stirbt bei dem Versuch, ihm ewige Schönheit und ewiges Leben zu geben. Am Ende kehren die beiden wieder in ihre Heimat zurück.
Viktorianisches Frauenbild
Die Schlagworte „Separate Spheres“ und „Angel in the House“ beschreiben das damalige Rollenverständnis gut. Mann und Frau leben und zeigen sich in getrennten Bereichen: Während die Frau sich auf das Private und Häusliche reduziert, lebt der Mann im öffentlichen Raum – er arbeitet, bekleidet öffentliche Ämter und ist gesellschaftlich sichtbar. Die Frau hingegen arbeitet im Hintergrund im Haushalt und ist in der Gesellschaft eher unsichtbar. Ihre Macht übt sie, wenn überhaupt, indirekt über die Beeinflussung ihres Mannes aus. Arbeit außerhalb des Haushalts galt als verwerflich, das Lebensziel von Frauen war zumeist Ehe und Familiengründung. Als „Angel in the House“ übernimmt sie Verantwortung für das Zusammenleben, das Harmonische, das Moralische und das Miteinander.
Ayesha als Bruch mit dem Frauenbild
Damit bricht unsere Hauptfigur, die Herrscherin „Sie“ bzw. mit echtem Namen Ayesha, in vielerlei Hinsicht. Sie hat in ihrem Staat das höchste Amt inne und ist in ihrer Darstellung alles andere als ein Engel. Sie wird als sehr mächtig, brutal und zugleich faszinierend beschrieben.
Ihre Rolle widerspricht dem viktorianischen Ideal radikal. Besonders deutlich wird dies in ihrer Selbstinszenierung als absolute Autorität: von ihrem Volk lässt sie sich „She-who-must-be-obeyed“ nennen. Ayesha wird nicht über einen individuellen Namen definiert, sondern über ihre besondere Stellung und Wirkung. Sie erscheint weniger als gewöhnliche Frau, sondern als mystische Autoritätsfigur, die über den anderen Figuren steht.
Das Leben der Frau war im damaligen Zeitalter dem des Mannes untergeordnet, auch in der Sexualität. Weibliche Sexualität galt als Tabuthema und war männlicher Kontrolle unterworfen. Ayesha hingegen wirkt sexuell selbstbestimmt und verfolgt ihre eigenen Leidenschaften aktiv.
New Woman und historischer Kontext
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war in England geprägt von Veränderungen der Stellung der Frau. Das Frauenwahlrecht für Gemeindewahlen wurde eingeführt, Frauen erhielten erstmals Zugang zu Universitäten und durften einer Arbeit nachgehen, ihre Rechte gegenüber ihren Ehemännern wurden gestärkt.
Die Idealfrau der feministischen Bewegung des 19. Jahrhunderts wurde als „New Woman“ bezeichnet: Sie ist unabhängig vom Mann, gebildet, selbstständig und Teil der Gesellschaft; ihre Wirkungsstätte geht über Familie und Kinder hinaus.
Dieses Bild wird von der Figur Ayesha teilweise aufgegriffen: Sie wird als intellektuell überlegen beschrieben, wirkt öffentlich und lebt unabhängig und selbstbestimmt.
Überhöhung und Bedrohlichkeit
Auf den ersten Blick scheint Ayesha das Bild weiblicher Freiheit zu verkörpern. Doch sie übersteigert das Bild der damaligen New Woman deutlich. Sie wird exotisiert, ist übernatürlich und fast göttlich. Dadurch ist sie außerhalb der Gesellschaft positioniert. Sie verkörpert Elemente weiblicher Autonomie, doch gleichzeitig wird diese Autonomie unnahbar und bedrohlich verzerrt.
Scheinbare Autonomie und Abhängigkeiten
Doch ist diese Autonomie, auch wenn sie überhöht ist, eine echte Unabhängigkeit und ein Brechen mit dem Patriarchat? Ayeshas Macht basiert stark auf ihrer Schönheit und auf der Wahrnehmung von Männern. Sie weiß das und spielt damit, was zunächst für eine gewisse Souveränität sprechen könnte. Gleichzeitig verliert sie im Verlauf des Romans ihre Schönheit, wirkt dadurch abstoßend und hilflos und stirbt schließlich. Auch ihre Weisheit und ihr Wissen stammen von einem alten Einsiedler, der verstorben ist. Ihre Unabhängigkeit führt damit indirekt wieder auf eine männliche Figur zurück.
Am deutlichsten wird die Ambivalenz ihrer Emanzipation in ihrer Liebe zu Kallikrates. Sie lebt ausschließlich mit dem Ziel, seine Reinkarnation wiederzufinden. Damit stellt sie ihr gesamtes Leben in den Dienst eines Mannes. Einerseits ist ihr Begehren sehr selbstbestimmt und damit für die Zeit modern, andererseits wird es so überhöht dargestellt, dass ihre gesamte Existenz davon abhängig bleibt.
Männliche Angstfantasie und Wirkung
Die Autonomie Ayeshas wird im Roman mystisch überzeichnet und als etwas Gefährliches und Kontrollierendes dargestellt. Im historischen Kontext kann diese Darstellung weiblicher Macht als Ausdruck männlicher Angstfantasien gelesen werden.
Es sagt viel über den Stand der Frauen im 19. Jahrhundert aus, dass selbst die Vorstellung einer unabhängigen Frau nicht vollständig vom Männlichen getrennt werden kann. Selbst in einer übersteigerten Fantasie weiblicher Autonomie bleibt diese letztlich an männliche Wahrnehmung und Bewertung gebunden. Auch das Männerbild im Roman ist auffällig: Die Schönheit Ayeshas wird als Waffe dargestellt, der kaum ein Mann widerstehen kann. Sie wirkt auf die Männer überwältigend und entzieht ihnen teilweise die Handlungsfähigkeit.
Insgesamt zeigt der Roman Sie, dass weibliche Macht im viktorianischen Kontext sowohl faszinierend als auch bedrohlich erscheint. Ayesha überschreitet zwar scheinbar die Grenzen traditioneller Frauenrollen, bleibt jedoch gleichzeitig in patriarchalen Vorstellungen verhaftet und wird letztlich durch sie begrenzt und zerstört.
Weitereführende Artikel
"She-who-must-be-obeyed": Anthropology and Matriarchy in H. Rider Haggard's "She"
The Matriarchal Society and the New Woman in She by H. Rider Haggard
Ayesha Unbound: The Construction of Female Power through Male Narrative in H. Rider Haggard’s She
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