Wofür es die Vampirin braucht
- Elisa Rood
- vor 7 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Das Monströse als Sprache queeren Begehrens in Carmilla, die Vampirin (1872)
Der Plot
Laura ist 19 Jahre alt und lebt abgeschieden mit ihrem Vater und zwei Hausangestellten auf einem Schloss in der Steiermark. Durch einen vermeintlichen Zufall zieht die attraktive Carmilla für kurze Zeit bei ihnen ein. Zwischen Laura und Carmilla entfaltet sich eine ambivalente Anziehung. Derweil wird Laura immer schwächer.
Dass die deutsche Übersetzung so geradeheraus Carmilla, die Vampirin heißt, zeigt gut, was einen in Sheridan Le Fanus Erzählung auf Trab halten soll: nicht die Frage, ob Carmilla die Ursache dafür ist, dass junge Frauen an einem mysteriösen Leiden dahinscheiden, sondern vielmehr die Frage, ob diesem Leiden nicht auch etwas Verlockendes, etwas Erstrebenswertes innewohnt. Von der ersten Begegnung zwischen Laura und Carmilla bis in den letzten Satz der Erzählung hinein bleibt ihre Beziehung von einer Ambivalenz geprägt, die nie aufgelöst wird: Faszination und Abscheu, Wohligkeit und Unbehagen, Zärtlichkeit und Kontrolle, Konsens und Grenzüberschreitung bestehen nebeneinander.
Zuweilen ergriff mich eine seltsame, mein tiefstes Inneres aufwühlende Erregung, die lustvoll war und doch gemischt mit dumpfer Angst und Widerwillen. Ich war nicht fähig, während solcher Szenen klar zu denken, und spürte nur, wie meine Liebe sich vertiefte und zugleich in Abscheu sich verwandelte. Ich weiß, wie paradox das klingt, doch anders kann ich mein Gefühl nicht schildern.
Nun gibt es zwei Lesarten. Die erste: dass der Sog hin zur Gefahr sie noch gefährlicher macht, noch perfider, dass er einen warnenden Charakter hat. Ich habe mich für die andere entschieden: dass hier etwas beschrieben wird, das im 19. Jahrhundert so abseits gesellschaftlicher Normen ist, dass es nicht ohne Angst erzählt werden kann; dass Anziehung zwischen zwei Frauen so verurteilt wird, dass sie nicht ohne Angst erlebt werden kann.
Unter die Decke
Schon die erste Begegnung zwischen Carmilla und Laura ist ambivalent. Ihre Existenz selbst ist uneindeutig: Es ist unklar, ob Laura – damals sechs Jahre alt – die Szene im Traum oder in der Wirklichkeit erlebt hat. Ambivalent ist auch das Verhalten von Carmilla, zärtlich und zugleich übergriffig, harmlos und doch irgendwie sexuell: Carmilla steckt ihre Hände unter Lauras Decke, hinterlässt einen stechenden Schmerz an Lauras Brust. Ambivalent sind auch die Gefühle, die das bei Laura auslöst: Freude, Verwunderung, Angst, „eine köstliche Müdigkeit“.
Viele Jahre später, in einem scheinbaren Zufall, hat die schöne Gestalt aus jener Nacht einen Unfall vorm Schloss und kann vorerst nicht weiterreisen. Laura bittet ihren Vater eindringlich darum, die Fremde bei ihnen aufzunehmen: „Oh! Papa! Bitte frage sie doch, ob sie sich nicht bei uns lassen will – ich würde mich so freuen. Bitte, Papa.“ So öffnet Carmilla einen Raum, in dem das als widernatürlich und gefährlich Markierte nicht bekämpft oder abgewehrt, sondern bewusst in das eigene Leben eingeladen wird. Das Fremde erscheint dabei von Beginn an eng mit Vertrautheit verbunden. Laura empfindet sofort eine starke Nähe zu Carmilla: „Es scheint mir, als sei es uns seit unserer Kindheit bestimmt, Freundinnen zu werden“. In dem abgeschiedenen, auf den Vater zentrierten Leben, das Laura führt, ist Carmilla die lang ersehnte Gefährtin.
Freiheit in der Sprache des Monströsen
Und so entsteht für Laura und Carmilla ein Raum weiblicher Intimität in den blinden Flecken der heteronormativen Ordnung – dort, wo weibliche Freundschaft als harmlos gilt und zwischen zwei Frauen keine sexuelle Anziehung vermutet wird. Losgelöst von gesellschaftlichen Skripten und der Steuerung durch männliche Vormünder sind sich beide Frauen sofort sehr nahe. Diese Nähe und auch Lauras Anziehung zu Carmilla werden in erstaunlich klaren Worten beschrieben:
Ich fühlte mich […] zu ihr hingezogen. […] Sie fesselte und faszinierte mich; sie war so schön und von so ungemein einnehmenden Wesen.
Carmilla verquickt Monströses und queeres Begehren – eine meist problematische Mischung. Möglicherweise war es auch Sheridan Le Fanus Absicht, queeres Begehren als das Monströse zu kennzeichnen, das Gefährliche, das Widernatürliche. Man kann aber anders draufschauen: Das Monströse ist hier nicht queeres Begehren, sondern das Monströse macht queeres Begehren erst sagbar. Ähnlich, wie sich Carmillas und Lauras Beziehung erstaunlich frei entfalten kann im Schlupfloch der Heteronormativität, entfaltet sich ihre Beziehung erstaunlich frei in der Sprache des Monströsen. Unter dem Gewand des Monströsen kann sich Carmilla Laura annähern, starke Gefühle für sie entwickeln, körperliche Intimität erfahren; unter dem Gewand des Monströsen kann Carmilla Laura leidenschaftlich ihre Liebe bekunden.
Manchmal nach einer Stunde der Apathie ergriff meine seltsame schöne Gefährtin meine Hand und hielt sie mit zärtlichem Druck, diesen immer und immer wieder erneuernd; dabei blickte sie, sanft errötend, mit schwerlidrigen glühenden Augen in mein Gesicht und atmete so schnell, dass ihr Kleid in heftigem Rhythmus sich hob und senkte. Es war die glutvolle Leidenschaft eines Liebhabers; es verwirrte und bestürzte mich; es war abstoßend und doch berauschend; und mit verzehrendem Blick zog sie mich an sich, und ihre heißen Lippen wanderten über meine Wange.
Weibliche Handlungsmacht und männliche Ratlosigkeit
Sheridan Le Fanu gewährt Laura überraschend viel Handlungsmacht: Laura lädt mit Carmilla das Unheil in ihr Leben ein, gibt sich dem hin und entscheidet sich dagegen, ihre männlichen Referenzpunkte – den Vater, den Arzt – einzubeziehen: „Was es immer sein mochte, meine Seele gab sich ihm willig hin. Ich dachte nicht daran einzugestehen, dass ich krank war, mich meinem Vater anzuvertrauen oder den Doktor kommen zu lassen“.
Bemerkenswert ist, dass das mysteriöse Leiden zwar junge Frauen das Leben kostet, die eigentliche Verzweiflung in dieser Erzählung jedoch alten Männern vorbehalten bleibt. Die Welt und ihre Frauen entgleiten ihnen. Sie trauern; sie verstehen nicht, was passiert; sie wehren sich mit lachhaften Mitteln („eine Arznei, die überaus scheußlich schmeckte“). Sheridan Le Fanu hält die Männer klein: Während Carmilla in gleich drei Namen durch die Erzählung wandelt – Carmilla, Millarca und Mircalla –, wird Lauras Vater gar nicht erst benannt; zwei andere männliche Figuren, Spielsberg und Spielsdorf, teilen sich quasi einen Namen. Von Bedeutung scheint in dieser Erzählung bei Männern nur der Status: der Vater, der Arzt, der Priester, der General. Sheridan Le Fanu lässt eine Reihe von männlichen Autoritätsfiguren antreten und bis kurz vor Schluss allesamt scheitern: an der Deutung der Geschehnisse, an ihrer Steuerung, an ihrer Bekämpfung.
Erst zum Schluss wird die patriarchale Ordnung gewaltsam wiederhergestellt. Doch es ist kein vollständiger Sieg. Die Männer gewinnen die Handlung, aber Laura hält die Erzählung: Auch nachdem Carmillas Vampirin-Dasein offengelegt wurde, bleibt die Ambivalenz ihrer Gefühle bestehen. Die brachiale Intervention der Männer hat das Geschehen beendet, aber Lauras Sehnsucht lebt fort:
Noch heute manchmal steigt Carmilla vor meinem geistigen Auge auf – zuweilen als das heitere, müde, schöne Mädchen; zuweilen als die fürchterliche Furie, die ich in der Kapelle sah; und oft, wenn ich aus einem Traum auffahre, ist mir, als hörte ich den leisten Schritt Carmillas vor der Zimmertür
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